Wandern in den Lyngenalpen

Wie das Draußensein den Zugang zu unseren Gefühlen erleichtern und die therapeutische Begegnung bereichern kann.

Wenn die Natur Teil des therapeutischen Gesprächs wird

Wir können viel über uns wissen und trotzdem den Zugang zu uns selbst verlieren. Wir verstehen, warum wir erschöpft sind, können unsere Beziehungskonflikte erklären und erkennen, dass wir ständig Erwartungen erfüllen. Trotzdem gelingt es uns kaum, etwas zu verändern. In meiner Arbeit als Psychotherapeut beschäftigt mich diese Erfahrung immer wieder. Als Bergführer kenne ich zugleich den Abstand, der draußen zum Alltag entstehen kann. Anforderungen treten zurück, Gedanken werden ruhiger, anderes wird spürbar. Kann die Natur damit auch den therapeutischen Prozess unterstützen?

Unser innerer Kompass

Gefühle helfen uns wahrzunehmen, was uns wichtig ist, was uns verletzt und wo unsere Grenzen liegen. Doch im Laufe unserer Entwicklung lernen wir manchmal, bestimmte Empfindungen auszublenden. Vielleicht war Ärger unerwünscht, Traurigkeit eine Belastung oder Anerkennung vor allem an Leistung gebunden. Das verändert nicht nur unser Verhalten. Es beeinflusst auch, wie wir uns selbst wahrnehmen. Dann erleben wir Anspannung, ohne den Ärger darin zu erkennen. Wir funktionieren weiter, obwohl wir erschöpft sind. Unsere Bedürfnisse werden schwer greifbar.

Unser innerer Kompass ist damit nicht verschwunden. Aber wir können ihn kaum noch lesen. Psychotherapie schafft Raum, sich diesem Erleben wieder anzunähern. Eine natürliche Umgebung kann dabei möglicherweise helfen: indem sie Abstand zu gewohnten Anforderungen ermöglicht und unsere Aufmerksamkeit für das öffnet, was gerade da ist.

 

Wenn wir nichts darstellen müssen

Der Wald kennt unseren Lebenslauf nicht. Das Meer interessiert sich nicht für unseren beruflichen Erfolg. Draußen können Maßstäbe an Bedeutung verlieren, an denen wir uns im Alltag ständig messen. Dazu passt eine Untersuchung von Meuwese und Kolleginnen. Zwölf Menschen wurden zu ihren Erfahrungen mit Psychotherapie beim Gehen in der Natur befragt. Sie beschrieben die Umgebung unter anderem als urteilsfrei und entlastend. Manche berichteten, ihre Gefühle deutlicher wahrzunehmen und sich mehr erlauben zu können, sie selbst zu sein. Die Forschenden entwickelten daraus ein Modell, das beschreibt, wie die Wahrnehmung der äußeren Natur den Zugang zur eigenen Innenwelt unterstützen könnte.

Aus personzentrierter Sicht ist das interessant. Veränderung braucht häufig mehr als eine treffende Erklärung. Es macht einen Unterschied, ob ich weiß, dass ich mich ständig anpasse, oder ob ich im Gespräch die Angst spüre, die mit einem Nein verbunden ist. Erst dann wird zugänglich, was mich bisher daran hindert, anders zu handeln.

 

Auch draußen können wir uns ausweichen

Natürlich lassen wir unsere Muster nicht automatisch zu Hause. Wer seinen Wert über Leistung definiert, kann auch die Natur zum Leistungsraum machen. Dann zählen Höhenmeter, Gipfel und Bestzeiten. Das kenne ich aus meinem eigenen Leben. Bergsport kann eine starke Ressource sein. Er kann aber ebenso dazu dienen, beschäftigt zu bleiben und schwierigen Fragen auszuweichen.

Für mich liegt hier die Bedeutung der Frage „Machen oder Sein“. Kann ich draußen sein, ohne etwas erreichen zu müssen? Darf ein Nachmittag am Wasser genügen? Mit Friluftsliv verbinde ich genau diese Haltung: Zeit unter freiem Himmel darf ihren Wert in sich tragen. Wir müssen aus ihr kein weiteres Vorhaben zur Selbstverbesserung machen. Wenn die Beschäftigung nachlässt, entsteht allerdings nicht immer sofort Ruhe. Manchmal werden zunächst Unzufriedenheit, Traurigkeit oder Erschöpfung deutlicher. Gerade dann kann therapeutische Begleitung helfen, das Auftauchende behutsam zu verstehen.

 

Gemeinsam unterwegs

Draußen verändert sich auch die Begegnung. Der Blick darf schweifen, Gesprächspausen können entstehen, und der Weg wird gemeinsam gestaltet. In einer Studie von Moore und Mahmood beschrieben sechs Therapeutinnen und Therapeuten ihre Erfahrungen mit Gesprächen in natürlichen Außenräumen. Sie erlebten mehr Gleichwertigkeit und besondere Nähe. Auch gemeinsam mit Unvorhergesehenem umzugehen, etwa einem Wetterwechsel, konnte die Beziehung prägen. Das sind Hinweise aus einer kleinen Interviewstudie, kein Nachweis für eine grundsätzlich bessere Therapie im Freien. Entscheidend bleibt, ob der Rahmen zum jeweiligen Menschen passt. Manche fühlen sich draußen freier, andere brauchen den Schutz eines Praxisraums. Die therapeutische Beziehung bleibt in beiden Fällen wesentlich. Die bisherigen Befunde machen Natur als unterstützende Umgebung interessant. Ob sie den Behandlungserfolg verbessert und für wen, lässt sich daraus noch nicht sicher beantworten.

Für mich liegt ihr möglicher Wert darin, dass sie uns Raum gibt, wieder wahrzunehmen: den eigenen Körper, Gefühle, Bedürfnisse und die Verbundenheit mit unserer Umgebung. Unsere Probleme müssen wir weiterhin bearbeiten. Aber vielleicht können wir ihnen anders begegnen, wenn wir wieder deutlicher spüren, was uns wichtig ist.

 

Diese Haltung prägt auch meine psychotherapeutische Arbeit in Villach und online. Gemeinsam nehmen wir uns Zeit, Ihr Erleben und Ihre persönliche Situation besser zu verstehen. Wenn es zu Ihnen und Ihrem Anliegen passt, können einzelne Gespräche auch draußen stattfinden. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit mehr Zeit und Abstand vom Alltag biete ich individuelle Retreats an – als Intensivtage in Kärnten oder mehrtägige therapeutisch begleitete Auszeit in Nordnorwegen.