
Vielleicht müssen wir gar nicht an uns arbeiten.
Wir sollen an uns arbeiten. An unserem Selbstbewusstsein, unserer Persönlichkeit, unserer Resilienz, unseren Beziehungen. Wir sollen lernen, besser mit Stress umzugehen, unsere Gedanken zu kontrollieren, unsere Gefühle zu regulieren und unsere Schwächen zu überwinden. Für beinahe jedes menschliche Problem gibt es inzwischen einen Ratgeber, ein Seminar, einen Podcast oder eine App, die uns dabei helfen soll, eine bessere Version unserer selbst zu werden. Aber vielleicht liegt genau darin ein Problem.
Wir brauchen nicht ständig neue Methoden, um uns zu verändern. Vielleicht sollten wir uns zunächst fragen, weshalb wir eigentlich glauben, dass wir so, wie wir sind, nicht in Ordnung sind.
Wann sind wir eigentlich gut genug?
Die Vorstellung, dass wir an uns arbeiten müssen, ist so selbstverständlich geworden, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Wer unsicher ist, soll selbstbewusster werden. Wer ängstlich ist, soll mutiger werden. Wer Schwierigkeiten hat, Nein zu sagen, soll lernen, sich besser abzugrenzen. Und wer unzufrieden ist, soll herausfinden, was er an seinem Leben verändern muss.
Daran ist zunächst nichts falsch. Natürlich können wir dazulernen, uns weiterentwickeln und Verhaltensweisen verändern, die uns das Leben schwer machen. Problematisch wird es allerdings, wenn wir beginnen, uns selbst hauptsächlich als eine Ansammlung von Defiziten zu betrachten. Wenn hinter all unseren Bemühungen die Überzeugung steht, dass wir eigentlich anders sein müssten.
Dann wird persönliche Entwicklung zu einer endlosen Aufgabe. Kaum ist ein Problem gelöst, taucht das nächste auf. Wir werden vielleicht erfolgreicher, leistungsfähiger und selbstbewusster. Aber das Gefühl, endlich gut genug zu sein, stellt sich trotzdem nicht ein.
Vielleicht deshalb, weil wir die entscheidende Frage noch gar nicht gestellt haben: Wer bestimmt eigentlich, wie wir sein sollten?
Wie wir lernen, jemand anderes zu sein
Der amerikanische Psychologe Carl Rogers beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie Menschen sich entwickeln und wie psychische Probleme entstehen. Eine seiner zentralen Überlegungen war, dass jeder Mensch von Beginn an über die Fähigkeit verfügt, sich weiterzuentwickeln. Rogers bezeichnete diese grundlegende Entwicklungsrichtung als Aktualisierungstendenz.
Damit ist nicht gemeint, dass wir automatisch glücklich werden oder immer die richtigen Entscheidungen treffen. Vielmehr geht es darum, dass im Menschen eine grundlegende Möglichkeit zu Wachstum, Entwicklung und Entfaltung angelegt ist. Diese Entwicklung geschieht allerdings nicht unabhängig von unserer Umwelt. Als Kinder sind wir auf die Zuwendung und Anerkennung anderer Menschen angewiesen. Wir lernen sehr früh, welches Verhalten erwünscht ist und welches nicht. Wir erfahren, wofür wir gelobt werden, wann unsere Eltern stolz auf uns sind und womit wir möglicherweise Enttäuschung oder Ablehnung auslösen.
Dabei lernen wir nicht nur, wie wir uns verhalten sollen. Wir entwickeln auch Vorstellungen darüber, wie wir als Menschen sein müssen, um angenommen und geliebt zu werden. Ein Kind, das vor allem dann Anerkennung erfährt, wenn es brav und unkompliziert ist, könnte allmählich zu der Überzeugung gelangen, dass Ärger oder Widerspruch etwas Schlechtes sind.
Ein anderes Kind erlebt vielleicht, dass Leistung besonders viel Aufmerksamkeit bringt. Es beginnt, seinen eigenen Wert zunehmend davon abhängig zu machen, wie erfolgreich es ist. Was ursprünglich eine verständliche Anpassung an die Erwartungen unserer Umgebung war, kann mit der Zeit zu einem festen Bestandteil unseres Selbstbildes werden. Rogers sprach in diesem Zusammenhang von Bewertungsbedingungen. Wir beginnen, uns selbst nur noch unter bestimmten Voraussetzungen als wertvoll zu erleben.
Wenn wir den Kontakt zu uns selbst verlieren
Das eigentlich Interessante daran ist, dass wir diese übernommenen Vorstellungen irgendwann gar nicht mehr als fremde Erwartungen erkennen. Sie werden zu unseren eigenen Überzeugungen. Wir beginnen, uns selbst durch die Augen anderer Menschen zu betrachten und orientieren uns zunehmend daran, wie wir glauben, sein zu müssen. Das hat weitreichende Folgen. Denn wir passen nicht nur unser Verhalten an diese Vorstellungen an, sondern zunehmend auch unsere Wahrnehmung.
Carl Rogers ging davon aus, dass wir Erfahrungen, die nicht zu unserem Selbstkonzept passen, häufig nicht mehr so wahrnehmen können, wie wir sie tatsächlich erleben. Sie werden verzerrt oder gar nicht erst bewusst wahrgenommen. In der personzentrierten Psychotherapie sprechen wir davon, dass diese Erfahrungen nicht angemessen symbolisiert werden. Was bedeutet das?
Stellen wir uns einen Menschen vor, der schon früh gelernt hat, dass Ärger und Wut unerwünscht sind. Vielleicht wurde er nur dann gelobt und anerkannt, wenn er freundlich, verständnisvoll und unkompliziert war. Mit der Zeit entwickelt er ein Selbstbild, in dem Wut keinen Platz hat. Er ist überzeugt, ein friedfertiger Mensch zu sein, der sich nicht über andere ärgert. Wenn ihn nun jemand ungerecht behandelt, entsteht möglicherweise durchaus Ärger. Aber dieses Gefühl passt nicht zu seinem Selbstkonzept. Er kann es deshalb nicht als das erkennen, was es ist. Vielleicht nimmt er stattdessen eine diffuse Anspannung wahr, fühlt sich unwohl oder erschöpft, ohne zu verstehen, weshalb. Möglicherweise erklärt er sich sein Unbehagen damit, dass er selbst etwas falsch gemacht hat.
Das ursprüngliche Gefühl ist nicht verschwunden. Aber es findet keinen angemessenen Platz in seinem bewussten Erleben. Ähnliches kann mit Trauer, Angst, Enttäuschung oder auch mit positiven Gefühlen geschehen, die nicht zu unseren Vorstellungen von uns selbst passen. Wir verlieren damit nicht einfach die Bereitschaft, auf unsere Gefühle zu hören. Wir verlieren teilweise überhaupt die Fähigkeit, sie als das wahrzunehmen und zu verstehen, was sie sind.
Es entsteht eine zunehmende Diskrepanz zwischen unserem tatsächlichen Erleben und dem Bild, das wir von uns selbst haben. Rogers bezeichnete diesen Zustand als Inkongruenz. Vielleicht erleben wir dann eine innere Unruhe, eine diffuse Unzufriedenheit oder das Gefühl, dass irgendetwas in unserem Leben nicht stimmt. Wir können aber nicht wirklich benennen, was uns beschäftigt.
Und weil uns der Zugang zu unserem eigenen Erleben fehlt, suchen wir die Lösung häufig dort, wo wir sie schon immer gesucht haben: Wir versuchen, noch besser zu funktionieren, uns noch mehr anzustrengen oder uns weiter zu optimieren. Damit verstärken wir unter Umständen genau jene Entfremdung von uns selbst, unter der wir leiden.
Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht gar nicht, wie wir unsere Gefühle besser kontrollieren können. Sondern wie wir wieder lernen können, sie überhaupt wahrzunehmen, zu verstehen und als einen Teil unserer selbst anzuerkennen.
Das Paradox der Veränderung
Hier liegt eine der für mich interessantesten Überlegungen der personzentrierten Psychotherapie. Wir verändern uns nicht unbedingt dadurch, dass wir uns möglichst intensiv darum bemühen, jemand anderes zu werden. Manchmal beginnt Veränderung gerade dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst anzukämpfen.
Das klingt zunächst widersprüchlich. Schließlich kommen Menschen häufig deshalb in Psychotherapie, weil sie etwas verändern möchten. Sie wollen weniger Angst haben, selbstbewusster werden oder sich aus belastenden Beziehungsmustern lösen. Und natürlich ist dieses Bedürfnis verständlich.
Aber was passiert, wenn wir nicht sofort versuchen, die Angst zu beseitigen, sondern zunächst herausfinden, was wir eigentlich erleben? Vielleicht beschreibt jemand sich selbst als ängstlich und unsicher. Im Verlauf der Therapie wird ihm aber allmählich bewusst, dass er in bestimmten Situationen gar nicht nur Angst empfindet. Vielleicht ist er auch wütend, weil andere Menschen wiederholt seine Grenzen überschreiten. Diese Wut konnte er bisher nicht als solche wahrnehmen, weil sie nicht zu seinem Selbstbild als freundlicher und verständnisvoller Mensch passte.
Wenn es nun gelingt, dieses Gefühl allmählich bewusst wahrzunehmen und als Teil des eigenen Erlebens anzuerkennen, verändert sich etwas Grundlegendes. Nicht weil die Wut beseitigt wurde. Sondern weil eine bisher abgewehrte Erfahrung einen Platz im Selbstkonzept finden kann.
In der personzentrierten Psychotherapie ist dies ein wesentlicher Aspekt des Veränderungsprozesses: Erfahrungen, die bisher verzerrt oder gar nicht symbolisiert wurden, können zunehmend unverzerrt wahrgenommen und in das eigene Selbstbild integriert werden. Dadurch wird das Selbstkonzept beweglicher. Wir müssen nicht mehr so viel Energie darauf verwenden, Erfahrungen abzuwehren, die unserem Bild von uns selbst widersprechen. Und wir bekommen wieder mehr Zugang zu unserem eigenen Erleben.
Veränderung bedeutet aus dieser Perspektive also nicht in erster Linie, unerwünschte Gefühle zu beseitigen oder bestimmte Eigenschaften zu verbessern. Sie bedeutet, dass wir uns selbst umfassender kennenlernen und zunehmend in Übereinstimmung mit unserem tatsächlichen Erleben leben können.
Wir müssen uns nicht erst verdienen, wer wir sind
Rogers ging davon aus, dass Menschen sich unter geeigneten Bedingungen konstruktiv weiterentwickeln können. In der personzentrierten Psychotherapie versuchen wir deshalb nicht, einen Menschen nach unseren Vorstellungen zu formen. Wir schaffen vielmehr eine Beziehung, in der er sich möglichst frei mit seinem eigenen Erleben auseinandersetzen kann.
Dazu gehört, dass Gefühle ausgesprochen werden dürfen, ohne sofort bewertet zu werden. Dass Unsicherheit, Widersprüche und vermeintliche Schwächen nicht versteckt werden müssen. Dabei ist allerdings wichtig, dass Menschen manche ihrer Gefühle zunächst gar nicht bewusst zugänglich haben. Es reicht also nicht immer aus, bereits bekannte Gefühle einfach zu akzeptieren. Manchmal müssen wir erst wieder einen Zugang zu Erfahrungen entwickeln, die wir über lange Zeit abgewehrt oder nur verzerrt wahrgenommen haben. Das geschieht nicht dadurch, dass uns jemand erklärt, was wir eigentlich fühlen müssten.
Es braucht vielmehr einen Rahmen, in dem wir uns auch jenen Erfahrungen vorsichtig annähern können, die bisher nicht zu unserem Selbstbild gepasst haben. Hier kommt der therapeutischen Beziehung eine besondere Bedeutung zu. Wenn wir erleben, dass uns ein anderer Mensch empathisch versteht und wertschätzt, ohne uns verändern zu wollen, kann es allmählich möglich werden, auch bisher bedrohlich erscheinende Seiten unserer selbst wahrzunehmen. Es geht nicht darum, jedes Verhalten gutzuheißen oder jede Entscheidung für richtig zu erklären. Sondern darum, einen Menschen auch dann als wertvoll anzuerkennen, wenn er mit sich selbst Schwierigkeiten hat. Diese Erfahrung kann etwas verändern. Denn wer sich nicht ständig rechtfertigen oder verteidigen muss, kann beginnen, sich selbst genauer wahrzunehmen.
Vielleicht entdeckt jemand dabei erstmals, wie wütend er eigentlich ist. Oder wie traurig. Vielleicht wird ihm bewusst, dass er seit Jahren versucht, die Erwartungen seiner Familie zu erfüllen, obwohl er sich längst etwas anderes wünscht. Solche Erkenntnisse lassen sich nicht erzwingen. Sie entstehen dort, wo Menschen ausreichend Sicherheit und Freiheit erfahren, um sich auf ihr eigenes Erleben einzulassen.
Persönliche Entwicklung ist keine Selbstoptimierung
In meinem Verständnis bedeutet persönliche Entwicklung nicht, dass wir immer besser, erfolgreicher oder leistungsfähiger werden. Sie bedeutet vielmehr, dass wir zunehmend die Möglichkeit bekommen, unser Leben in Übereinstimmung mit unseren eigenen Erfahrungen, Gefühlen und Bedürfnissen zu gestalten. Das ist keineswegs immer angenehm.
Wer beginnt, sich selbst ernst zu nehmen, muss sich möglicherweise mit schwierigen Fragen beschäftigen. Will ich tatsächlich diesen Beruf ausüben? Bin ich in meiner Beziehung zufrieden? Tue ich bestimmte Dinge, weil sie mir wichtig sind, oder weil ich glaube, dass andere sie von mir erwarten? Vielleicht entstehen daraus Veränderungen, die zunächst Unsicherheit mit sich bringen. Aber darin liegt auch eine Chance.
Wir müssen nicht mehr unsere gesamte Energie darauf verwenden, eine Vorstellung von uns selbst aufrechtzuerhalten, die möglicherweise gar nicht zu uns passt. Und wir können Fähigkeiten und Möglichkeiten entdecken, die bisher kaum Raum hatten, sich zu entfalten. Dabei geht es nicht einfach darum, zu einem früheren, vermeintlich echten Selbst zurückzukehren. Vielleicht haben wir manche Seiten unserer Persönlichkeit noch nie wirklich kennengelernt.
Persönliche Entwicklung bedeutet dann auch, Möglichkeiten zu entdecken, die wir bisher gar nicht für uns in Betracht gezogen haben.
Veränderung beginnt mit einer anderen Frage
Anstatt uns ständig zu fragen, was wir an uns verbessern sollten, könnten wir gelegentlich eine andere Frage stellen: Was würde passieren, wenn ich mich selbst ein wenig ernster nehmen würde? Wenn ich nicht jedes unangenehme Gefühl sofort verändern oder beseitigen wollte? Wenn ich neugierig darauf wäre, was ich in bestimmten Situationen tatsächlich empfinde, auch wenn ich dafür zunächst noch gar keine Worte finde? Wenn ich mir erlauben würde, auch einmal enttäuscht, unsicher, wütend oder traurig zu sein? Wenn ich nicht bei jeder Entscheidung zuerst darüber nachdenken müsste, was andere Menschen von mir erwarten?
Es geht dabei nicht darum, sich nicht mehr anzustrengen oder Verantwortung für das eigene Leben abzugeben. Im Gegenteil. Wer sich selbst besser kennenlernt, kann zunehmend bewusste Entscheidungen treffen und Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung übernehmen. Vielleicht müssen wir also doch an uns arbeiten. Aber möglicherweise ganz anders, als wir bisher geglaubt haben. Nicht indem wir versuchen, eine bessere Version unserer selbst zu werden. Sondern indem wir allmählich herausfinden, wer wir eigentlich sind – und welche Möglichkeiten in uns stecken. Denn vielleicht ist nicht unser unvollkommenes Selbst das Problem.
Wenn der Anspruch, ständig an sich arbeiten zu müssen, selbst zur Belastung wird, kann meine Psychotherapie in Villach und online Raum bieten, sich dem eigenen Erleben zuzuwenden. Gemeinsam erkunden wir, welche Erwartungen Sie prägen, und nähern uns Gefühlen und Bedürfnissen, die bisher schwer zugänglich waren. Wenn Sie sich dafür mehr zusammenhängende Zeit und Abstand vom Alltag wünschen, biete ich individuelle Retreats in Kärnten und Nordnorwegen an.