
Wie entsteht unser Selbstkonzept – und warum fällt es uns manchmal so schwer, wir selbst zu sein?
Warum wir lernen, Erwartungen zu erfüllen, wie unser Selbstbild entsteht und weshalb wir dabei manchmal den Kontakt zu unseren eigenen Bedürfnissen verlieren.
Was wir über uns selbst lernen
Wer bin ich eigentlich? Was kann ich gut? Was macht mich wertvoll? Was darf ich mir erlauben und was nicht?
Die Antworten auf diese Fragen erscheinen uns im Erwachsenenalter oft selbstverständlich. Wir wissen, ob wir uns für mutig oder ängstlich halten, ob wir glauben, erfolgreich sein zu müssen, oder ob wir uns als Menschen erleben, auf die sich andere immer verlassen können. Doch woher kommen diese Vorstellungen?
In der Personzentrierten Psychotherapie sprechen wir vom Selbstkonzept. Gemeint ist damit die Gesamtheit der Vorstellungen, Überzeugungen und Bewertungen, die wir über unsere eigene Person entwickelt haben. Unser Selbstkonzept bestimmt wesentlich mit, wie wir uns wahrnehmen, wie wir unsere Erfahrungen interpretieren und wie wir uns gegenüber anderen Menschen verhalten.
Natürlich werden wir mit diesen Vorstellungen nicht geboren. Ein kleines Kind weiß noch nicht, ob es besonders intelligent, sportlich, brav oder schwierig ist. Es erlebt zunächst seine unmittelbare Wirklichkeit. Es hat Hunger, empfindet Freude, Angst, Neugier oder Ärger. Es entdeckt seine Umwelt, probiert Dinge aus und macht Erfahrungen. Erst allmählich entwickelt sich daraus ein Bild der eigenen Person.
Dabei spielen andere Menschen eine entscheidende Rolle. Insbesondere unsere Eltern und frühen Bezugspersonen vermitteln uns, oft ohne sich dessen bewusst zu sein, wer wir sind und wie wir sein sollten. Wir lernen uns gewissermaßen durch die Augen anderer kennen.
Wie wir lernen, Erwartungen zu erfüllen
Ich erinnere mich an einen Schnupperkletterkurs für Kinder am Kanzianiberg. Es war ein heißer Sommertag mit Temperaturen um die dreißig Grad. Ehrlich gesagt gehörten solche Veranstaltungen nicht unbedingt zu meinen Lieblingsaufgaben als Bergführer. An diesem Tag hatte sich auch nur ein einziges Kind angemeldet. Ich fragte mich, wer bei dieser Hitze unbedingt mit seinem Kind klettern gehen wollte. Der Bub war ungefähr sieben Jahre alt. Es gibt Kinder, die bewegen sich beinahe selbstverständlich durch eine Kletterwand. Sie probieren aus, greifen nach dem nächsten Griff und haben sichtlich Freude an der Bewegung. Dieser Junge gehörte nicht dazu. Nach ungefähr drei Metern war Schluss. Er wusste nicht mehr weiter, hatte Angst und traute sich nicht einmal, sich in den Klettergurt zu setzen, um sich von mir abseilen zu lassen. Nun begann sein Vater, vom Boden aus Anweisungen zu geben. „Du musst den Fuß höher stellen! Nein, nicht dort! Da hin! Jetzt greif weiter! Du musst doch nur ...“ Die Anweisungen wurden zunehmend hektischer, während der Junge immer verzweifelter in der Wand hing. Irgendwann hatte ich genug. „Für einen Theoretiker kennst du dich ja ganz gut aus“, kommentierte ich die Bemühungen des Vaters, stieg hinauf und holte das Kind wieder herunter.
Was mich an dieser Situation beschäftigt, ist weniger das Verhalten des Vaters als die Frage, welche Erfahrungen der Junge dabei über sich selbst machte. Er hatte Angst. Das war seine unmittelbare Erfahrung. Sein Körper signalisierte ihm, dass er sich in einer Situation befand, die ihn überforderte. Die Reaktion seines Vaters vermittelte ihm jedoch etwas anderes: Du solltest das können. Du musst dich mehr anstrengen. Du solltest keine Angst haben.
Natürlich wissen wir nicht, was dieser Junge tatsächlich aus der Situation mitgenommen hat. Ein einzelnes Erlebnis bestimmt noch kein Selbstkonzept. Wiederholen sich solche Erfahrungen allerdings über Jahre, können sie unser Bild von uns selbst nachhaltig prägen.
Dabei gibt es Kinder, denen Klettern großen Spaß macht. Andere interessieren sich für Musik, Tiere, Bücher oder ganz andere Dinge. Entscheidend ist nicht, dass jedes Kind alles ausprobiert und überall erfolgreich ist. Entscheidend ist, dass es die Möglichkeit bekommt herauszufinden, was zu ihm passt – und genauso wichtig, was nicht zu ihm passt.
Die Bedingungen unserer Wertschätzung
Der amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Carl Rogers beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie unser Selbstkonzept entsteht und welche Bedeutung unsere Beziehungen dabei haben.
Rogers ging davon aus, dass Menschen ein grundlegendes Bedürfnis nach positiver Beachtung und Wertschätzung entwickeln. Wir möchten geliebt, anerkannt und akzeptiert werden. Für ein Kind ist die Beziehung zu seinen Bezugspersonen dabei von existenzieller Bedeutung. Es ist auf sie angewiesen und wird deshalb versuchen, diese Beziehungen aufrechtzuerhalten. Nun erlebt das Kind aber, dass nicht jedes Verhalten und nicht jedes Gefühl gleichermaßen willkommen ist. Wenn es brav ist, wird es gelobt. Wenn es gute Leistungen bringt, sind die Eltern stolz. Wenn es sich anpasst, entstehen weniger Konflikte. Wenn es hingegen wütend ist, Angst zeigt oder eigene Vorstellungen durchsetzen möchte, kann es auf Ablehnung stoßen.
Daraus können sich sogenannte Bedingungen der Wertschätzung entwickeln. Das Kind beginnt zu lernen, dass es bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, um Anerkennung und Zuwendung zu erhalten. Es übernimmt diese Bedingungen zunehmend in sein eigenes Selbstbild.
Aus „Meine Eltern freuen sich, wenn ich erfolgreich bin“ wird irgendwann „Ich bin nur dann wertvoll, wenn ich erfolgreich bin“. Aus „Meine Mutter mag es nicht, wenn ich wütend werde“ kann sich die Überzeugung entwickeln, dass Wut etwas Schlechtes ist und deshalb nicht zu mir gehören darf. Dabei müssen Eltern keineswegs lieblos oder besonders streng sein. Viele dieser Prozesse laufen ganz unbewusst ab. Eltern möchten ihre Kinder fördern, vor Enttäuschungen bewahren und ihnen helfen, im Leben zurechtzukommen. Sie geben dabei allerdings auch ihre eigenen Vorstellungen, Ängste und unerfüllten Wünsche weiter.
So entwickeln wir nach und nach ein Selbstkonzept, das nicht ausschließlich auf unseren eigenen Erfahrungen beruht, sondern zu einem erheblichen Teil darauf, wie andere Menschen uns sehen und wie sie uns gerne hätten.
Wenn unser Selbstbild wichtiger wird als unsere Gefühle
An diesem Punkt entsteht ein Problem. Unser Organismus nimmt weiterhin wahr, was wir brauchen, was uns Freude bereitet, was uns Angst macht oder was uns überfordert. Unser Selbstkonzept erlaubt uns aber möglicherweise nicht mehr, alle diese Erfahrungen anzuerkennen.
Ein Mensch, der gelernt hat, immer stark sein zu müssen, wird Schwierigkeiten haben, seine eigene Hilflosigkeit zuzulassen. Wer sich nur dann wertvoll fühlt, wenn er etwas leistet, wird Ruhe und Untätigkeit möglicherweise als unangenehm erleben. Wer gelernt hat, für andere verantwortlich zu sein, wird seine eigenen Bedürfnisse häufig zurückstellen.
Rogers bezeichnete die Diskrepanz zwischen unserem unmittelbaren Erleben und unserem Selbstkonzept als Inkongruenz. Wir erleben etwas, das nicht zu dem Bild passt, das wir von uns selbst entwickelt haben.
Stellen wir uns einen Menschen vor, der sich sein Leben lang als besonders hilfsbereit erlebt hat. Er ist immer für andere da, übernimmt Verantwortung und versucht, niemanden zu enttäuschen. Irgendwann merkt er, dass ihn die ständigen Anforderungen erschöpfen. Er spürt Ärger, möchte sich zurückziehen und hat das Bedürfnis, endlich einmal Nein zu sagen. Doch genau das passt nicht zu seinem Selbstkonzept. Er ist doch derjenige, der immer hilft. Der Verständnis hat. Auf den man sich verlassen kann. Anstatt seine Erschöpfung und seinen Ärger als wichtige Informationen wahrzunehmen, beginnt er möglicherweise, diese Gefühle zu unterdrücken. Er macht weiter, obwohl längst alles in ihm nach einer Pause verlangt.
Ich begegne solchen Menschen in meiner psychotherapeutischen Arbeit häufig. Sie wissen oft erstaunlich genau, dass ihnen ihre Lebensweise nicht guttut. Trotzdem gelingt es ihnen nicht, etwas zu verändern. Das Problem liegt nicht unbedingt darin, dass sie zu wenig über ihre Situation nachgedacht hätten. Häufig haben sie vielmehr über lange Zeit gelernt, ihren eigenen Bedürfnissen weniger zu vertrauen als den Erwartungen, die sie erfüllen zu müssen glauben.
Warum wir uns immer wieder anpassen
Besonders deutlich wird dieser Mechanismus in unseren Beziehungen. Wenn wir früh gelernt haben, dass Anerkennung an bestimmte Bedingungen geknüpft ist, werden wir auch als Erwachsene versuchen, diese Bedingungen zu erfüllen. Wir beobachten unser Gegenüber und versuchen herauszufinden, was von uns erwartet wird. Wir möchten gefallen, Konflikte vermeiden, niemanden enttäuschen oder als besonders kompetent wahrgenommen werden. Oft geschieht diese Anpassung vollkommen automatisch. Wir überlegen nicht bewusst, welche Rolle wir spielen sollen. Wir haben sie längst verinnerlicht. Hinzu kommt, dass wir häufig Beziehungen eingehen, in denen unsere gewohnten Muster bestätigt werden. Wer gelernt hat, immer für andere verantwortlich zu sein, findet sich möglicherweise besonders häufig in Beziehungen wieder, in denen genau diese Verantwortung eingefordert wird. Wer glaubt, sich Liebe verdienen zu müssen, kann Schwierigkeiten haben, Zuwendung einfach anzunehmen.
Auf diese Weise stabilisiert sich unser Selbstkonzept immer wieder selbst. Wir verhalten uns so, wie wir glauben sein zu müssen, und erleben anschließend eine Umwelt, die uns in dieser Vorstellung bestätigt.
Das kann über viele Jahre gut funktionieren. Manchmal sogar ein ganzes Leben lang. Zumindest nach außen. Wir sind erfolgreich, erfüllen unsere Aufgaben, führen Beziehungen und werden von anderen geschätzt. Innerlich kann dabei jedoch zunehmend das Gefühl entstehen, dass irgendetwas nicht stimmt. Wir funktionieren, aber wir fühlen uns nicht mehr wirklich lebendig. Wir erfüllen Erwartungen, wissen aber immer weniger, was wir selbst eigentlich wollen.
Können wir unser Selbstkonzept verändern?
Die gute Nachricht ist, dass unser Selbstkonzept nicht unveränderlich ist. Es entsteht durch Erfahrungen und kann sich durch neue Erfahrungen weiterentwickeln. Genau hier setzt die personzentrierte Psychotherapie nach Carl Rogers an. Rogers war überzeugt, dass Menschen unter geeigneten Bedingungen über eine natürliche Fähigkeit zur Entwicklung verfügen. Die Aufgabe einer hilfreichen therapeutischen Beziehung besteht deshalb nicht darin, einem Menschen zu erklären, wie er sein sollte. Sie besteht darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen er wieder Zugang zu seinem eigenen Erleben finden kann.
Eine besondere Bedeutung haben dabei Empathie, Echtheit und bedingungslose positive Wertschätzung. Wenn wir erleben, dass wir mit unseren Gefühlen, Unsicherheiten und Widersprüchen angenommen werden, müssen wir weniger Energie darauf verwenden, bestimmte Seiten unserer Persönlichkeit zu verbergen oder abzuwehren. Wir können beginnen, auch jene Erfahrungen wahrzunehmen, die bisher nicht zu unserem Selbstbild gepasst haben. Der starke Mensch darf erschöpft sein. Der Hilfsbereite darf Nein sagen. Der Erfolgreiche darf scheitern. Und derjenige, der immer für andere da war, darf sich endlich einmal um sich selbst kümmern. Das klingt einfach, ist aber häufig ein längerer Prozess. Denn wir müssen nicht nur neue Verhaltensweisen lernen. Wir müssen auch die tief verankerten Vorstellungen darüber hinterfragen, wer wir zu sein haben, um wertvoll und liebenswert zu sein.
Dabei geht es nicht darum, alle Erwartungen anderer Menschen abzulehnen oder nur noch den eigenen Bedürfnissen zu folgen. Wir leben in Beziehungen und sind aufeinander angewiesen. Entscheidend ist vielmehr, dass wir wieder unterscheiden lernen zwischen dem, was wir tatsächlich wollen, und dem, was wir glauben wollen zu müssen.
Wieder werden, wer wir sind
Für mich liegt darin einer der wesentlichsten Gedanken der personzentrierten Psychotherapie. Psychische Entwicklung bedeutet nicht, aus einem Menschen etwas anderes zu machen. Sie bedeutet vielmehr, dass ein Mensch zunehmend in Übereinstimmung mit seinem eigenen Erleben leben kann.
Wir müssen nicht überall erfolgreich sein. Wir müssen nicht jedem gefallen und wir müssen auch nicht jede Herausforderung bewältigen. Wir dürfen entdecken, dass uns bestimmte Dinge Freude machen und andere eben nicht. Dass wir Grenzen haben, Bedürfnisse, Stärken und Schwächen. Und dass all das zu uns gehört. Wenn ich heute an den kleinen Jungen am Kanzianiberg denke, dann frage ich mich nicht, ob aus ihm irgendwann ein guter Kletterer geworden ist. Ich hoffe vielmehr, dass er Menschen begegnet ist, die ihm geholfen haben herauszufinden, was ihm selbst Freude bereitet. Menschen, bei denen er keine Leistung erbringen musste, um angenommen zu werden.
Denn letztlich geht es nicht darum, möglichst gut das Leben zu führen, das andere für uns vorgesehen haben. Es geht darum, herauszufinden, welches Leben tatsächlich zu uns passt.
Und dafür müssen wir manchmal erst wieder lernen, uns selbst zuzuhören.
Wenn das eigene Selbstbild zur Belastung wird
In meiner psychotherapeutischen Praxis in Villach begegne ich immer wieder Menschen, die über viele Jahre gelernt haben, Erwartungen zu erfüllen, Verantwortung zu übernehmen und eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Oft hat ihnen genau diese Fähigkeit geholfen, beruflich erfolgreich zu sein oder schwierige Lebenssituationen zu bewältigen.
Irgendwann kann daraus jedoch eine erhebliche Belastung entstehen. Erschöpfung, Ängste, depressive Verstimmungen oder das Gefühl, sich selbst verloren zu haben, können Hinweise darauf sein, dass die bisherige Art zu leben nicht mehr zu den eigenen Bedürfnissen passt.
In der personzentrierten Psychotherapie geht es nicht darum, möglichst rasch wieder zu funktionieren. Vielmehr versuchen wir gemeinsam zu verstehen, wie sich bestimmte Vorstellungen über die eigene Person entwickelt haben, welche Gefühle und Bedürfnisse dabei möglicherweise zu kurz gekommen sind und wie wieder mehr Übereinstimmung zwischen dem eigenen Erleben und der Lebensgestaltung entstehen kann. Veränderung beginnt mit ganz einfachen Fragen: Was möchte eigentlich ich? Was freut mich? Was macht mir Spass? Wer bin ich und wo will ich hin?